
Diese Geschichte beginnt mit einem namenlosen Schildpattkätzchen. Ich habe Ekin (sie/ihnen) an einem unglaublich warmen Sommertag in Ostberlin interviewt. Ekin ist 37 Jahre alt, stammt von der türkischen Küste und lebt nun seit vier Jahren in Berlin. Ein wichtiger Aspekt für sie ist, dass sie ein Spätentwickler*in sind, da sie erst kürzlich ihre Queerness und die Möglichkeit, neurodivergent zu sein, entdeckt haben. Sich in diesen unbekannten Gewässern zurechtzufinden, war manchmal aufregend, aber auch beängstigend. Die Unterstützung ihrer Gleichgesinnten ist ihr Kompass.
Der Tag, an dem wir uns kennenlernten, war etwas ganz Besonderes, denn Ekin hatte gerade ein Kätzchen mit nach Hause gebracht, das sie aus dem Tierheim adoptiert hatten. Es ist eine kleine schwarze Katze mit goldenen Flecken, die sich uns gegenüber unerwartet zutraulich verhielt. Ekin hatte es nicht eilig, dem Kätzchen einen Namen zu geben, genauso wie sie sich selbst nicht vorschnell in eine Schublade stecken.
Sie erzählten mir, dass sie sich von ihren Katzen immer akzeptiert und geliebt gefühlt hätten. Als müssten sie sich ihnen gegenüber nicht verstellen oder anders sein, um geliebt zu werden. Außerdem helfe ihnen der Umgang mit Tieren dabei, ihre Emotionen zu regulieren und sich daran zu erinnern, im Hier und Jetzt zu leben.
Bei Ekin zu Hause zeigte man mir eine Handvoll Gegenstände, die für Ekin mit Selbstfürsorge verbunden sind. Diese Gegenstände bergen Geschichten und Erinnerungen, die Ekin mit besonderen Menschen und Orten verbinden. Ihre haptische Beschaffenheit ist für Ekin wichtig, da sie eine Form des sensorischen Wohlbefindens darstellt, die in Ekins Alltag integriert ist.

Der Olivenbaum, der auf ihrem Balkon steht, erinnert sie zum Beispiel stets an ihre Herkunft. Er weckt Assoziationen mit dem Meer, mit Wärme und mit mediterranen Aromen, die Teil von Ekins Geschichte sind. Die gemusterte Decke in kräftigen Farben, die ihr Sofa bedeckt, ist ein weiteres besonderes Stück – ein Geschenk ihrer Mutter, als Ekin Berlin zu ihrer neuen Heimat machte. Ekins Beziehung zu ihrer Kultur ist jedoch kein Zuckerschlecken. Sie ist vielmehr eine Mischung aus der Gemütlichkeit, sich in die Lieblingsdecke zu kuscheln, und dem einzigartigen bitter-herzhaften Geschmack einer dunklen Olive.
Für Ekin hat sich die Bedeutung von Selbstfürsorge im Laufe der Zeit weiterentwickelt, insbesondere seit dem Umzug nach Berlin. Dies war der Ausgangspunkt einer Reise der Selbsterkenntnis, auf der Ekin gelernt hat, besser auf die eigenen Gefühle einzugehen und für sich selbst einzustehen. Dieser Weg ist zwar individuell geprägt, beinhaltet aber auch einen wesentlichen kollektiven Aspekt. Die Verbindung zu den Menschen, die Ekin liebt, und zur eigenen Gemeinschaft hat Ekin einen sicheren Raum geboten, um mit den eigenen Emotionen und Identitäten in Kontakt zu treten.
Je besser sie sich selbst kennenlernten, desto mehr wurde ihnen klar, dass ihre Persönlichkeit auch ihre Einstellung zur Selbstfürsorge prägt.
Für Ekin hat Selbstfürsorge heutzutage viel mit Selbstregulierung zu tun, indem sie Routinen und Rituale schafft, die ihr helfen, einen ausgeglicheneren Zustand zu erreichen. Ein Beispiel dafür ist das Führen von Listen, was ihr ein besseres Gefühl der Kontrolle vermittelt und dabei hilft, ihre Neigung zum Grübeln zu zügeln. Es ist ihr jedoch wichtig, ihre Pläne flexibel zu halten, da extreme Starrheit bei ihr einen gegenteiligen Effekt haben könnte.
Eine weitere wichtige Form der Selbstfürsorge sind Meditation und Klangtherapie. Deshalb haben wir beschlossen, die Interviewreihe mit einem gemeinsamen Besuch eines Klangbad-Meditationskurses abzuschließen. Das ist etwas, was Ekin normalerweise sonntagabends macht, doch dieses Mal hatte er Gesellschaft.
Von außen betrachtet waren wir eine Gruppe von Fremden, die in einem Raum auf Matten lagen, eingehüllt in kuschelige Decken, in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen. Von innen heraus fühlte es sich an, als befänden wir uns in einem Paralleluniversum und würden den verschiedenen Schwingungswegen folgen. Obwohl wir ganz in unsere eigenen Erfahrungen versunken waren, waren Ekin und ich durch die Schallwellen tief miteinander verbunden.
